Hervey Bay, du hast mir meine Frau gestohlen

Ich möchte mich eingangs bei den Lesern für Teile meines letzten Blogeintrages entschuldigen. Der Alliterationsgaul dürfte mit mir durchgegangen sein und auch den bildungsbürgerlichen Spitznamen für das dreifüßige Krokodil hätte ich mir sparen können.

Aber gut, was will man erwarten, das hat die Spittelwiese aus mir gemacht.

Als sich unser Adrenalinspiegel nach den Abenteuern in Airlie Beach wieder eingepegelt hatte, waren wir bereit für den nächsten Stopp auf unserer Ostküsten-Tour: Hervey Bay.

Wir übernachteten dort im "Friendly Hostel" das von Gary, dem freundlichen Hostelbetreiber geführt wird. Dort kann man sich Fahrräder kostenlos, und motorisierte Fahrräder für eine Bagatelle, ausleihen. Davon machten Theresa und ich dankbar Gebrauch und radelten den Strand von Hervey Bay entlang.

Rast während des Radausflugs
Radl-Theresa mit Fish & Chips
Blick nach links von der Bank, auf der wir die herausgebackenen Fische essen...
...und Blick nach rechts: Möwe im Anflug! Das Bild weckt in mir traumatische Erinnerungen vom Whitehaven Beach, die ich, so wie sich das gehört, bis dato tief in mein Unterbewusstsein verdrängt habe: Theresa sitzt links von mir. Wir jausnen am Strand. Ich packe ein Stück Käse aus. Plötzlich kreischt eine Mädchenstimme. Es macht WUSCH und mir schlägt etwas ins Gesicht. Das Nächste, woran ich mich erinnere, ist eine Möwe in deren Rachen ein für sie viel zu großes Stück Edamer steckt. Sie grinst mich siegessicher an. O Rob Bredl, du hattest die ganze Zeit recht: Die Natur ist dein Feind und der verschlagenste Widersacher ist der geflügelte Gierass, die Möwe. Bei der Rekonstruktion des Tathergangs wurde Theresa und mir klar, dass der Vogel in böswilliger Absicht darauf wartete bis ich den Käse in der Hand hielt um uns dann beide (!) en volant abzuwatschen. Das Gericht erkennt in der Urteilsverkündung die Verteidigung des Angeklagten ("Meins! Meins! Meins!") nicht an und befindet ihn schuldig des Straftatbestandes des Mundraubes sowie der fahrlässigen Doppelwatschen. Das Gericht stellt außerdem mit an Sicherheit grenzender Peinlichkeit fest, dass das entsetzte Kreischen von mir stammte.
Theresas bisher beißendste Konsumkritik: "Die Flut frisst das Spar-Wagerl"

Unser erster Ausflug führte uns auf eine Insel, mit Namen Fraser Island, die komplett aus Sand besteht.
Benannt ist die Insel nach Eliza Fraser, die 1836 vor der Küste der Insel schiffbrüchig wurde. Sie rettete sich ans Ufer und lebte dort eine Zeit lang mit den Ureinwohnern. Das Zusammenleben dürfte aber nicht ganz spannungsfrei verlaufen sein, da sie vom nomadischen Stamm eines Tages zurückgelassen wurde, als dieser weiterzog.

Strände und Dschungel prägen das Landschaftsbild von Fraser Island. Die dortigen Bäume und Pflanzen saugen die Nährstoffe mit ihren tentakelgleichen Wurzeln aus dem Sand. Die Satinay-Pinie, die nur auf Fraser wächst, ist äußerst wasserresistent und wurde deshalb anlässlich des Baus des Suez Kanals massiv geschlagen und um die Welt geschifft. Auch unabhängig vom Suez Kanal wurde die Insel ausgiebig von der Holzwirtschaft genutzt. Als Europäer Mitte des 19. Jahrhunderts begannen, die Insel für sich zu erschließen, war das Baumkronendach so dicht wie Vöest-Hackler nach der Schicht. Die ersten Berichte sprachen davon, dass die jahrhunderte- und jahrtausendealten, gewaltigen Bäume das Sonnenlicht derart effizient nutzten, dass es am Waldboden dunkel war und kein Unterholz wuchs. Dies änderte sich mit der starken Abholzung, weswegen heute auch Farne und Sträucher auf Fraser wachsen. Seit 1992 ist Fraser Island als UNESCO Weltkulturerbe gelistet.

Urwald-Theresa
Hat sich gerade der Tarzan auf einer Liane vorbeigeschwungen?
Naja, eher der Spargeltarzan
Wenn ich meine Kopfhörerkabel nur fünf Minuten in der Hosentasche habe, schauen sie genauso aus
Die Bäume haben schon viele Jahrhunderte gesehen ...
...die größten von ihnen wurden leider früher abgeholzt
Selbst die Bäume in Australien sind mörderisch: Die Würgefeige tötet langsam den befallenen Baum. Am Ende wird sie seinen Platz einnehmen und so tun, als wär nix gewesen
Die Rinde der Satinay Pinie ist, im Gegensatz zu Theresas Gesicht, von tiefen Furchen durchzogen
Ich schaue gelassen drein, weil ich zu dem Zeitpunkt den unheilvollen Namen des Nadelstrauchs noch nicht kannte: Wedding Bush
Der Bach fließt von einem der über 100 Süßwasserseen durch den Dschungel ins Meer...
...die Bäume wachsen im Bachbett aus Sand...
...und ziehen mit ihren Tentakelwurzeln die Nährstoffe aus dem Boden
Schaut ein wenig aus wie ein Pinsel, finde ich
Früher war das Baumkronendach so dicht, ...
...dass man keinen Flecken Himmel sehen konnte

Die Straßen auf Fraser Island sind nicht asphaltiert sondern bestehen komplett aus Sand, deswegen braucht es schweres Gerät um die Insel zu befahren. Unser kompetenter Fahrer/Reiseleiter Kevin wies uns darauf hin, dass Gurtpflicht in seinem Bus herrsche. Ich persönlich halte ja das Anschnallen -genauso wie Versicherungen, Impfen, Verhütung, Zivildienst und Tofu- etwas für Weicheier und Feiglinge, machte diesmal aber eine Ausnahme, weil man sonst bei der rasant-rumpligen Fahrt über die Insel mit dem Kopf gegen die Decke geknallt wäre.

Ich hatte großen Spaß daran wie uns der 260 PS Bus ordentlich durchschüttelte als wir durch den Dschungel fetzten. Diesmal wurde jedoch niemand seekrank.

Unser unverwüstlicher Truppentransporter
Während der Fahrt plötzlich Dingo-Alarm. Der Ursprung der Rasse ist umstritten. Es ist ungewiss ob sie verwilderte Haustiere oder seit jeher wild sind.
Sie stehen unter dem Verdacht, den Beutelwolf und den Tasmanischen Teufel auf dem australischen Festland ausgelöscht zu haben.

Fraser Island hat einige wunderschöne Plätze zu bieten. Kevin führte uns zum Lake McKenzie, einem Süßwassersee, der sich komplett aus Regenwasser speist. Kevin erklärte uns, dass der See entstand, als sich abgefallene Blätter auf dem Sand zu einer wasserundurchlässigen Schicht verbanden und so das Regenwasser am Durchsickern in den Sand hinderten.

Dem Wasser werden wegen seiner Reinheit und seines leichten Säuregehalts verjüngende Kräfte nachgesagt. Kevin meinte, dass ein wenig Schwimmen im See den Körper praktisch zehn Jahre zurücksetze. Vergeblich habe ich versucht, Theresa von ihrem Badewunsch abzubringen, weil, mit einer Zwölfjährigen hätte ich keine Freude.

Theresa verjüngt im Lake McKenzie
Ich entschied mich, nur die Zehen in den Jungbrunnen hineinzuhalten, um das bisschen Bartwuchs nicht auch noch aufs Spiel zu setzen.
Eine Schachtelhalmblättrige Kasuarine, vom Gefühl her
Weil der See einen hohen pH-Wert hat, können nur wenige Tierarten darin leben
Die nächste Planschmöglichkeit bot uns der Lake Wabby. Wir wanderten durch den Dschungel, standen fast übergangslos in einer Sandwüste, gingen fünf Minuten und waren schon im kühlen Wasser. Mir wurde fast schwindlig vom ständigen Landschaftswechsel.
Auf dem Weg zum Lake Wabby, noch im Dschungel...
...der Urwald wird sich gleich lichten...
...und zack! schon stehst du in der Sahelzone
Am Lake Wabby ist gut sonnieren
Ein Wort der Warnung an frisch verliebte Turteltauben: Wer sich am Lake Wabby heiße Liebesschwüre zuflüstert, hat, wenn der Winkel passt, Publikum. Die Akustik am See ist nämlich tückisch gut und trägt den Schall auch an unadressierte Ohren.
Der Schall, er trägt sich weit
Der kleine Matthias wartet in der Wüste auf seine Rettung
Theresa und mich kann so ein Malheur nicht treffen, da wir zum Glück über diese hitzige Phase der Zweisamkeit seit Jahren hinweg sind und in einer nüchternen Vernunftpartnerschaft leben. Das Turteln überlassen wir den jungen Leuten.

Als wir allerdings bei unserem nächsten Ziel, dem Wrack der SS Maheno, ankamen, wurde diese Zweckgemeinschaft in ihren Grundfesten erschüttert. Kevin ließ nämlich, ohne das vorher mit mir abzusprechen, einen jungen Piloten an Bord unseres Busses. Diesem unsympathisch gutaussehenden Knaben fiel in seinen lächerlichen Wollstrümpfen doch wirklich nichts Besseres ein, als für so einen Inselrundflug ordentlich die Werbetrommel und gleichzeitig die Herzen aller alleinstehenden Frauen zu rühren.

"Sicher nicht!", wollte ich schon rufen, ich zahle doch nicht extra ein Geld damit ich über eine Insel fliege, die vom Boden genau dieselbe ist wie aus der Luft.

Und überhaupt, wie ist denn das Burscherl zu seinem Pilotenschein gekommen? Als ich in dem seinem Alter war, war Pluto ein Planet und man rechnete noch in Schilling.

Wie ich mich zu der Meinigen hinwandte um eine spöttische Bemerkung über die kurze Hose des Aushilfsaviators zu machen, sah ich aber, dass etwas mit ihr nicht ganz stimmte. Sie starrt mit glasigen Augen in Richtung Flugzeugkasperl, zuckt unkontrolliert mit den Augenbrauen, kneift das linke Auge manchmal komisch zu und schürzt merkwürdig die Lippen.

"Jesus", denke ich mir, "da hat es etwas Gröberes".

Bevor ich noch fragen kann, ob sie vielleicht gerade ein Schlagerl habe oder ihr sonstwie nicht gut sei, meldet sie sich schon als Freiwillige für den Rundflug.

Wie ferngesteuert steigt sie aus dem Bus und in die klapprige Cessna des minderjährigen Verführers. Jetzt bin ich zwar einer, neben dem sogar Sepp Forcher wie ein Hooligan wirkt, aber das geht zu weit! "Der glaubt, er kann mit meinem Zuckergoscherl in den Sonnenuntergang fliegen! Glaubt, über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein! Aber nicht mit meiner Prinzessin! Dem werde ich helfen", schwöre ich gedanklich, die Zornesfaust im Hosensack geballt, und hechte hinterher.

Als ich beim Propellerflugzeug ankomme, hat Theresa schon, im Bann des Kapitäns der Herzen, am Kopilotensitz Platz genommen.
Sie weiß ja nicht was sie da tut! Nicht zu sehen: Die Herzerl in ihren Augen
Ich verstecke mich geschickt in den hinteren Reihen des Zwölfsitzers.
Als ich enttäuscht feststelle, dass ich mit meinem Handy keine Luftunterstützung anfordern kann um den Entführer zur Landung zu zwingen, denke ich mir, na gut, kann man nichts machen, dann genieße ich wenigsten die Aussicht.
Die Landebahn ist, wie alles andere auf der Insel auch, aus Sand
Die Maheno hat schon bessere Tage gesehen
Butterfly Lake
Die Autobahn von Fraser Island
Der Theresa-Verzahrer und ich haben uns schlussendlich auf eine Summe, die ich nicht näher nennen will, geeinigt um das Geiseldrama zu beenden.
Theresa ist nach ihrer Rettung erleichtert
Theresa und ich wieder vereint. Der Kidnapper zählt das Lösegeld im Hintergrund

Zurück im Bus, fuhren wir mit Kevin weiter mit Höchstgeschwindigkeit den Strand entlang. Wir machten halt bei einer farbenfrohen Sandformation, The Pinnacle (der Gipfel). Die bunten Bänder, so habe ich gelesen, erklärt man sich durch das Durchsickern von Oxiden und den Rückständen von Vegetation. Weil mir der vorige Satz auch nicht wirklich weiterhilft, nachfolgend die einschlägige Legende der hiesigen Aborigine, der Butchulla:

Ein junges Mädchen namens Wuru war einem älteren Mann versprochen, er hieß Winyer. Das Mädchen war zutiefst unglücklich weil sie nicht in Winyer sondern in den Regenbogen verliebt war. Sie kam jeden Tag an den Strand um bei ihrem geliebten Regenbogen zu sein und mit ihm zu reden. Eines Tages entdeckte Winyer das Mädchen am Strand mit dem Regenbogen und schleuderte aus Eifersucht seinen Bumerang nach dem jungen Mädchen. Das Mädchen schrie um Hilfe und der Regenbogen stellte sich schützend vor sie. Der Bumerang traf ihn und der Regenbogen zerfiel in tausend kleine Regenbogen-Fuzerl. Der Regenbogen fiel zerschmettert auf die Sanddünen und färbte sie so ein. Das Mädchen entkam unversehrt.

Für die Butchulla-Frauen sind die farbigen Dünen heilige Orte.
Noch ergriffen von der natürlichen Schönheit der bunten Sanddünen, rief uns Kevin schon zurück in den Bus: Die Champagner-Pools warten auf uns.
Der Steg führt zu den Champagner-Pools
Die Wellen krachen gegen die Felsen und schwappen manchmal in die Steinbecken über
Theresa wagt wieder den Ausflug ins Kühle nass. Ich passe auf, dass sie nicht davon ins Meer gespült wird.
Auf dem Weg zurück von den Champagner-Pools, geht plötzlich ein aufgeregtes Rufen durch die Touristen: Wale!
Zwei Wale gehen aufreissen
Ich weiß, das kriegt man in Österreich nicht so mit, aber es war gerade Wal-Balz an der Ostküste und alle Wale wanderten nach Norden für ein bisschen Fortpflanzung. Ab und zu tauchen sie auf, strecken ihre Flosse aus dem Wasser und schnäuzen sich durch ihr Nasenloch am Kopf dass es nur so spritzt.
Die zwei raunigen Meeressäuger waren aber nicht die einzigen Giganten des Ozeans die wir auf Fraser sahen:
Was ist denn das?

Der mordsdrum Fleck am Strand ist kein tiefes Loch im Meer. Auch kein Unterwasser-UFO. Es ist auch nicht das Überbleibsel von einem BP-Öldesaster.

Es ist ein wartender Rochen!

Worauf wartet er? Auf Krebse, die sich unter den tödlichen Teppich verirren.
Man sagte uns, der tut einem nichts. Aber einem Vieh, das mehr Quadratmeter als meine Wohnung hat, traue ich nicht über den Weg.

Jetzt wird vielleicht bei meinem geschätzten Publikum der Eindruck entstehen, dass der Matthias ein bisschen ein aquaphober Reisgänger ist, einer, dem beim Anblick einer Badewanne ein Achterl in die Hose geht.

Das ist natürlich ein Blödsinn wie die nachfolgenden Fotos vom Eli Creek, einem wunderschönen Bach im Dschungel durch den täglich 80 Millionen Liter Süßwasser fließen, beweisen.
Langsam nimmt unser Fraser Island Ausflug sein Ende und die Nacht beginnt.
Wir verabschieden uns vom Sand und vom Dschungel und fahren mit der Fähre zurück nach Hervey Bay.
Tschüss, Fraser Island!
Tschüss, Sonne!
Der nächste Ausflug führt Theresa und mich nach Brisbane. Was wir dort sahen, lässt sich in Worten kaum beschreiben. Ich sage nur: Kopfextension!